Predigt von Herwig Gössl, Erzbischof von Bamberg, am 13.8.2026 in Dettelbach
Evangelium: Joh 2,1-11
Liebe Schwestern und Brüder,
liebe Mitbrüder im geistlichen Dienst,
es ist für mich immer wieder erstaunlich, wie nah die biblischen Erzählungen oft am ganz konkreten, realen Leben der Menschen anknüpfen. Sicher geht es der Heiligen Schrift nicht in erster Linie darum, Lebensweisheiten zu vermitteln, auf die man durch Nachdenken auch selbst kommen könnte. Die Heilige Schrift möchte über Gott sprechen und möchte etwas von seinem Wesen und von seiner Art für uns Menschen begreiflich machen. Aber sie tut das eben in menschlich-verständlichen, nachvollziehbaren Bildern – damit sicher immer begrenzt, aber dem Verstand und den Erfahrungen von uns Menschen vermittelbar.
Im Evangelium, in der Erzählung von der Hochzeit zu Kana, gibt es eine Stelle, die macht menschlich betroffen, und das ist der Moment, als Jesus die Bitte, den Hinweis seiner Mutter sehr brüsk zurückweist: Was willst du von mir, Frau? Meine Stunde ist noch nicht gekommen. Im Religionsunterricht wussten auch die meisten Drittklässler, dass man so nicht mit seiner Mutter spricht. Und es fällt dem Religionslehrer dann schon einigermaßen schwer, dieses Verhalten Jesu irgendwie zu erklären. Jesus, der nach dem Zeugnis der drei synoptischen Evangelien sich von jedem Menschen in Not anrühren lässt, er weist ausgerechnet die eigene Mutter mit so harten Worten ab. Warum? Was will uns diese Schriftstelle sagen, verkünden über Gott und sein Wesen?
In meinen Augen spricht diese Schriftstelle aus dem Johannesevangelium über das Gebet, und damit über einen ganz elementaren Ausdruck gläubigen, christlichen, kirchlichen Lebens. In dieser Szene bei der Hochzeit zu Kana spiegelt sich – so meine ich – eine Erfahrung vieler betender Menschen wider: der Eindruck, von Gott mit dem eigenen Anliegen zurückgewiesen zu werden. Immer wieder haben sich Menschen im Verlauf der Religionsgeschichte diese Frage gestellt: „Wie lange noch, Herr, soll ich zu dir rufen und du hörst nicht? Ich schreie zu dir: Hilfe, Gewalt! Aber du hilfst nicht“ (Hab 1,2). Und immer wieder haben sie versucht, auf diese schwere Frage eine Antwort zu finden: Gott erhört mich nicht, weil ich so viel Böses getan habe, oder weil ich zu wenig andächtig bin beim Beten, zu wenig fromm, zu wenig gläubig. Ich muss einfach noch mehr beten, noch mehr Opfer bringen, so wie die Baalspriester auf dem Karmel, die irgendwann anfangen, sich selbst zu verwunden, damit ihr Gott sie erhört, bevor sie in allgemeine Raserei verfallen. Solche fehlgeleiteten Antwortversuche gibt es auch in manchen christlichen Kreisen.
Das heutige Evangelium zeigt uns einen anderen Weg. Es führt uns in die Gebetsschule Mariens. Maria zeigt in dieser Szene bei der Hochzeit zu Kana, wie christliches Beten gelingt. Nicht, indem man Druck aufbaut oder sich selbst unter immer größeren Druck setzt, sondern indem man Vertrauen aufbaut und durchhält zu dem Gott, dessen Schweigen man nicht versteht und als hart und abweisend empfindet. „Was er euch sagt, das tut!“ (Joh 2,5). Dieser Auftrag Marias an die Diener, trotz der Zurückweisung durch ihren Sohn, zeigt, worum es im Gebet – christlich verstanden – geht: um ein Verbunden-Bleiben voll Vertrauen, auch wenn sich an der Situation rein äußerlich betrachtet nichts ändert. So wird Maria zur ersten Vertreterin der jungen Kirche, auch beim Gebet im Obergemach, wo sich nach der Himmelfahrt des Herrn alle Jünger versammeln (Lesung aus der Apostelgeschichte).
Maria lehrt uns im geistlichen Leben das Bleiben: das Dranbleiben, das Verbunden-Bleiben mit Gott und seinem fleischgewordenen Wort. Der Rosenkranz ist kein Gebet nach dem Motto „Viel hilft viel“, selbst wenn das manchmal so missverstanden wurde. Wenn die Gottesmutter in Fatima die Seherkinder zum häufigen Rosenkranzgebet aufforderte, dann tat sie das nicht, um eine Leistungsbilanz zu steigern, sondern um die innere Bindung der Kinder zu vertiefen, ihr Vertrauen auf Gott zu stärken, bei all den Herausforderungen, die auf sie warteten. Das Gebet bringt dann Frucht, wenn die Geduld des Betenden wächst, wenn sein Vertrauen in Gottes Hilfe gestärkt wird und seine persönliche Zuversicht zunimmt, auch ohne äußerlich messbaren Erfolg. „Was er euch sagt, das tut“! (Joh 2,5) – aus dieser tief spirituell verankerten, gläubigen Zuversicht, wächst alles Weitere im Leben aus dem Glauben. Es können Berufungen wachsen zum Priestertum und zum Ordensleben, zu einem Leben als christliche Eheleute und Familien, aber auch zu einem ehrenamtlichen Engagement entsprechend den persönlichen Charismen. In der Gebetsschule Mariens kann sich das alles entwickeln, auch heute und in Zukunft.
Darum meine Bitte: Bleiben wir durch das Gebet verbunden mit Gott. In unseren aufgeregten und auch sehr aggressiven Zeiten kann so wieder Ruhe ins Leben einkehren und Verantwortungsbewusstsein wachsen. Das Beispiel der Gottesmutter Maria möge uns dabei leiten.
Text: Herwig Gössl, Erbischof von Bamberg
Bilder: FWA Würzburg



















































